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Presseartikel von Thomas Emons

Es gibt Menschen, die sehen schwarz und klagen über ihr Schicksal. Maria St. Mont gehört nicht zu ihnen. Sie wirkt fröhlich und aufgeschlossen, wenn man sich mit ihr über ihre Sicht auf das Leben unterhält. Dabei hätte sie Grund zu klagen. Denn die heute 50-Jährige ist aufgrund einer Erbkrankheit erblindet. Sie wurde mit derselben Augenkrankheit wie ihre Mutter geboren.

 

Ich hatte es leichter, weil das ein schleichender Prozess war und ich mich langsam an der Verlust meiner Sehkraft gewöhnen konnte, sagt St. Mont. Aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit als stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV) weiß sie: Andere, die erst später und plötzlich durch eine Krankheit oder einen Unfall erblinden, fallen oft in ein tiefes Loch.

 

Menschen, denen sie mit Rat, Hilfe und ihrem eigenen Lebensbeispiel Mut machen will, trifft sie etwa bei Veranstaltungen des BSV oder bei einer monatlichen Sprechstunde für Blinde und Sehbehinderte, die sie mit der BSV-Vorsitzenden Christa Ufermann am ersten Donnerstag im Monat, jeweils von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 abhält. In der Regel kommen drei bis vier Ratsuchende, denen wir zum Beispiel Hilfsmittel vorstellen, aufzeigen, wie man das vom Landschaftsverband gezahlte Blindengeld beantragt oder helfen bei Problemen mit Augenärzten, berichtet St. Mont.

 

Aus eigner Erfahrung weiß sie: Man muss das Glas halb voll und nicht halb leer sehen. Man darf nicht darauf gucken, was man nicht mehr kann, sondern darauf, was man noch kann. Man muss rausgehen und darf nicht zu Hause sitzen bleiben.

 

Deshalb blieb St. Mont, die verheiratet ist und eine 24-jährige Tochter hat, auch nicht sitzen, als sie 1999 nur noch hell und dunkel sehen konnte. Ich schaue heute, wie durch eine dicke Watte, beschreibt sie ihr minimales Restsehvermögen.

 

Natürlich hat es sie geschmerzt, dass sie damals nicht mehr als Bürogehilfin bei Mannesmann und als Übungsleiterin beim Amateurschwimmclub arbeiten konnte. Heute lebt sie mit ihrem sehenden Mann Karl-Heinz von monatlich 629 Euro Blindengeld und von seiner Rente, die er als Friedhofsgärtner erworben hat. Eine Berufsunfähigkeitsrente bekommt sie nicht, weil sie ihre Berufstätigkeit aufgrund der Kindererziehung zu früh aufgegeben hatte und so nicht genug Arbeitsjahre nachweisen kann.

 

Doch das macht sie nicht bitter. Die Hilfe durch ihren Mann und ihre Tochter Stephanie, die im Notfall auch mal für die Mutter mitsehen, gibt ihr ebenso Halt, wie ihr christlicher Glaube. Ich weiß, dass ich eine Aufgabe im Leben habe und dass mich Gott dort hingestellt hat, wo ich jetzt bin, sagt sie.

 

St. Mont sieht sich als Mutmacherin für blinde und sehbehinderte Menschen, die sich mit ihrem Schicksal schwerer tun. Ein Mobilitätstraining, ihr weißer Stock und ihre ausgebildete Blindenführhündin Selma geben ihr auch dann ein Gefühl von Selbstständigkeit und Sicherheit, wenn sie alleine unterwegs ist.

 

Ich gehe heute nicht mehr quer über Straßen und Plätze, sondern geometrisch, dass heißt, an Häuserwänden entlang und dann um die Ecke, schildert sie ihre veränderte Orientierung. Um die Orientierung für sich und andere blinde und sehbehinderte Menschen zu verbessern, setzt sich St. Mont mit dem BSV und der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände für akustische Ampeln, gegen die totale Absenkung von Bordsteinen, für die Bewilligung individueller Hilfsmittel oder für taktile Tasten- und Informationsfelder in Aufzügen und öffentlichen Gebäuden ein.

 

Zugeparkte oder mit Geschäftsauslagen zugestellte Gehwege, ärgern sie ebenso, wie fehlende Haltestellenansagen in Bussen und Bahnen oder die Ignoranz vieler E-Book-Anbieter, die ihre E-Books nicht mit Sprachsoftware ausstatten. Denn so eine Sprachsoftware, die als Hilfsmittel von der Krankenkasse finanziert wird, ermöglicht ihr mit dem Computer zu arbeiten, E-Mails zu lesen und zu verschicken oder sich Informationen im Internet anzuhören.

 

Per E-Mail lässt sie sich von der Stadtbücherei auf neue Hörbücher hinweisen. Da ist unsere Stadtbücherei Gott sei Dank gut ausgestattet, freut sich St. Mont. Auch die in der Stadtbücherei aufgenommene und kostenlos zugeschickte Hörzeitung Echo Mülheim möchte sie als Informationsquelle ebenso wenig missen, wie die Hörbücher und Hörzeitschriften aus der Westdeutschen Blindenhörbücherei.

 

Gerne besucht St. Mont auch Lesungen, bei denen ihr Autoren aus ihren Büchern vorlesen. Das war auch das einzige, was ich bei der Erziehung meiner Tochter vermisst habe, nämlich ihr Geschichten vorlesen zu können, sagt die Literaturfreundin, die auch bei Bibeltagen, Bibelkreisen und Gottesdiensten gerne etwas aus dem Buch der Bücher hört, das ihr Kraft und Ruhe vermittelt. Und was ist mit dem Fernsehgerät in ihrem Wohnzimmer? Früher habe ich im Fernsehen gerne Krimis gesehen, heute höre ich im Fernsehen aber Quiz- und Informationssendungen, bei denen es um Allgemeinwissen geht. Fernsehkrimis sind für mich nicht mehr so spannend, weil ich die Handlungsabläufe nicht sehe und so viele Zusammenhänge nicht mitbekomme, schildert sie ihre veränderte Sicht auf die Fernsehunterhaltung.

 

Sieht man nur mit dem Herzen gut? Für St. Mont ist da was dran: Weil ich nicht sehe, ob Menschen weiß, schwarz, rot, gelb, alt oder jung sind, gehe ich ohne Vorurteile auf sie zu.Ich habe auch keine Scheu auf Menschen zuzugehen, um sie zu fragen, ob die Ampel gerade Rot oder Grün zeigt. Und wenn ich alleine einkaufe, bitte ich eine Mitarbeiterin des Supermarktes, mich zu begleiten und mir die gewünschten Waren in den Korb zu legen, schildert sie ihre offensive Kommunikationsstrategie.

 

Und wenn sie mal selbst nicht zum Einkauf kommt, spricht sie ihre Wünsche auf ein kleines Diktafon und schickt damit ihren Mann Karl-Heinz auf Shoppingtour.

 

Nicht nur ihre Shopping,- sondern auch ihre Sightseeingtouren haben sich verändert. Sehenswürdigkeiten gibt es für sie nicht mehr. Im Urlaub genießt sie nicht mehr den Meeresblick, dafür aber das Rauschen der Meeresbrandung. Gerne geht St. Mont auch mit ihrer Freundin Angelika spazieren und lässt sich von ihr haargenau die Farben des Herbstlaubes beschreiben. Oder sie organisiert mit ihren Freunden vom BSV zum Beispiel einen Zoobesuch, bei dem die Teilnehmer einer taktilen Führung keine Tiere anschauen, sondern streicheln und füttern können. Ich war zuletzt erstaunt, wie viele Borsten so ein Elefant hat, erinnert sich St. Mont an ihren letzten Zoobesuch mit dem BSV. Gerne würde sie mehr der etwa 450 blinden Menschen in Mülheim dazu bewegen, an den Aktivitäten ihres Vereins teilzunehmen, der aktuell nur etwa 70 Mitglieder hat und Verstärkung gut gebrauchen könnte.

 

Weitere Informationen im Internet unter: www.bsv-muelheim.de

Von Dr. Thomas Emons

(NRZ vom 12.10.2013)

 

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